Teil 4: Die politische Liebesgeschichte
Arbeitstitel: Der Regen aus Gold
Besetzung: Birgit Minichmayr (Heidi Horten), Oliver Masucci (Der Generalsekretär / PR-Berater / Christian Pilnacek), August Diehl (Der Investigative Reporter / Helmut Horten / Gernot Blümel), Udo Samel (August Wöginger).
Szene 1: Das Hinterzimmer des Glanzes
Ort: Ein vergoldetes Separée in einem Wiener Nobel-Café. Zeit: Wahljahr 2017.
Heidi (Birgit Minichmayr) sitzt entspannt im Samtsessel. Vor ihr liegt ein Scheckbuch, das wie eine Reliquie auf dem Tisch thront. Der Generalsekretär (Oliver Masucci) beugt sich ehrfürchtig vor.
GENERALSEKRETÄR Wir brauchen... Stabilität, Madame. Und Stabilität kostet in diesen Zeiten. Die Plakate, die Online-Anzeigen... die Berater...
HEIDI (lächelt) Ich liebe Stabilität. Helmut pflegte zu sagen: „Geld ist der Kleber, der die Gesellschaft zusammenhält.“ Aber wenn man zu viel Kleber nimmt, sieht man die Fugen nicht mehr.
Szene 2: Der Sketch der „Spenden-Stückelung“ (NEU)
Ort: Ein Büro voller Schredder und Taschenrechner. Zeit: Spätnachts.
Drei Berater in maßgeschneiderten Anzügen (Masucci, Diehl, Minichmayr in Mehrfachrollen) sitzen um einen Berg von 500-Euro-Scheinen. Sie haben eine Schablone vor sich.
BERATER 1 (Masucci) Hier haben wir insgesamt 931.000 Euro von Madame. Fast eine Million! Ein prächtiger Brocken. Aber am Stück... am Stück ist er unverdaulich für den Rechnungshof.
BERATER 2 (Diehl) Wir brauchen das Skalpell. Wir schneiden es in exakt 49.000-Euro-Häppchen. Nicht 50.000! Bei 50.000 gehen die Sirenen an. Bei 49.000... da herrscht heilige Stille.
BERATER 3 (Minichmayr) Es ist wie Pointillismus! 19 Mal 49.000 Euro. Viele kleine Punkte. Wenn man davor steht, sieht man nur lauter nette, diskrete Einzelspenden. Erst wenn man weit weg geht, sieht man... das Imperium.
Szene 3: Der Regen aus Gold im Parlament (NEU)
Ort: Der Plenarsaal des österreichischen Nationalrats. Zeit: Eine fiktive, surreale Debatte über Transparenz.
Ein Abgeordneter (August Diehl) hält eine leidenschaftliche Rede über die „Unschuld der Spenderin“. Plötzlich beginnt es von der Decke zu regnen. Aber es ist kein Wasser, sondern goldene Konfetti-Münzen mit Heidis Konterfei. Jede Münze trägt die Prägung „49.000“.
ABGEORDNETER (während er die Münzen auffängt) Sehen Sie? Das ist kein Geld! Das ist... Wertschätzung! Das ist bürgerschaftliches Engagement in seiner reinsten, geprägten Form! Wer sind wir, dass wir die Hand beißen, die uns so wunderbar stückelt?
Die anderen Abgeordneten beginnen, die Münzen mit Regenschirmen aufzufangen, die sie verkehrt herum halten.
Szene 4: Das Interview des Vergessens (NEU)
Ort: Eine Jacht im Mittelmeer. Zeit: Gegenwart.
Heidi wird von einem investigativen Journalisten (August Diehl) interviewt. Der Journalist wirkt erschöpft, Heidi ist strahlend.
JOURNALIST Frau Horten, Kritiker sagen, Sie kaufen sich mit Ihren Spenden politischen Einfluss. 931.000 Euro sind kein Pappenstiel.
HEIDI (lacht glockenhell) Kaufen? Das ist so ein... kaufmännischer Begriff. Ich nenne es „Ermöglichen“. Ich ermögliche es Politikern, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, ohne sich Sorgen um ihr Budget machen zu müssen. Ist das nicht der Inbegriff von Freiheit?
Szene 5: Die „Transparenz-Gala“ – Die Spitze der Satire (NEU)
Ort: Ein prunkvoller Ballsaal, in dem „Transparenz“ als Thema gefeiert wird. Zeit: Ein fiktives Gala-Event.
Jeder Gast trägt eine Maske aus halbtransparentem Plastik. Man sieht die Gesichter, aber sie sind verzerrt.
ERZÄHLER (Masucci, Off-Stimme) Sie feierten die Offenheit, während sie die Türen schlossen. Sie nannten es „neuen Stil“, während sie die alten Rezepte Helmuts verfeinerten. Heidi saß in der Mitte, die Sonne ihres eigenen Systems. Jede 49.000-Euro-Tranche auf ihrem Collier entsprach einer kleinen Aufmerksamkeit an eine politische Sektion.
Heidi tanzt mit einem Minister. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr. Er nickt heftig, als würde er eine göttliche Eingebung empfangen.
Szene 6: Der „Rechnungshof-Albtraum“ (NEU)
Ort: Ein dunkles Archiv, in dem ein einsamer Prüfer (Oliver Masucci) versucht, die Spendenwege nachzuvollziehen. Zeit: Nacht.
Die Aktenordner beginnen sich von selbst zu bewegen. Zahlen hüpfen von den Seiten und bilden Muster an den Wänden.
PRÜFER Es ist ein Labyrinth aus Seide und Gold! Man folgt einer 49.000-Euro-Spende und landet bei einer Reitsport-Veranstaltung in Kärnten. Man folgt dem Reitsport und landet bei einem Kunst-Event in Wien. Und am Ende... am Ende steht immer nur ein Name. Aber der Name ist legal. Er ist so legal, dass es weh tut.
Er wird von einem Berg aus goldenen „Pünktchen“ verschüttet.
Szene 7: Das Finale – Die Ewigkeit des Kapitals (NEU)
Ort: Heidis Mausoleum oder eine moderne Kunstgalerie. Zeit: In der nahen Zukunft.
Wir sehen eine riesige Leinwand. Darauf ist Helmut Horten abgebildet, aber das Bild besteht aus Millionen von kleinen Euro-Symbolen. Heidi tritt davor.
HEIDI (zum Publikum) Helmut sagte, das Kapital stirbt nie. Er hatte recht. Es wandelt nur seine Form. Früher waren es Kaufhäuser, heute sind es Parlamente. Früher war es die „Marktbereinigung“, heute ist es die „Politikgestaltung“. Aber der Pointillismus bleibt derselbe.
Sie drückt auf einen Knopf. Das Bild von Helmut verwandelt sich in das Logo einer politischen Partei und dann wieder zurück.
Szene 8: Das Begräbnis des Schweigens (und die Angst in Linz)
Ort: Eine exklusive Trauerfeier am Wörthersee. Weißer Marmor, schwarze Schleifen, Champagner-Kühler. Zeit: Juni 2022 (Rückblende) / Schnitt zu März 2026 (Gegenwart).
August Wöginger (Udo Samel) steht am Buffet. Er wirkt nicht nervös, sondern eher... überlegt. Er isst ein belegtes Brötchen mit Messer und Gabel. Er telefoniert leise. Im Hintergrund das prunkvolle Foto von Heidi.
WÖGINGER (ins Telefon, mit sanftem oberösterreichischen Einschlag) Ja, servus... nein, ich bin gerade am See. Wir verabschieden die Madame. Ja, die 931.000... das ist alles ordentlich verbucht. In Tranchen, wie wir es besprochen haben. Pointillismus, genau.
Er blickt auf das Foto von Heidi und hebt sein Weinglas minimal.
WÖGINGER Wegen Linz... Dienstag, der 3. März. Ich hab' dem Richter schon gesagt: Ich bin kein Bestimmungstäter. Ich bin ein Ermöglicher. Wenn der Thomas Schmid mich fragt, wen wir in Braunau brauchen, dann sag' ich's ihm. Das ist gelebte Bürgernähe. Die WKStA versteht einfach die ländlichen Strukturen nicht.
Szene 9: Die Geisterstunde der Bilanzen (NEU)
Ort: Heidis leeres Schlafzimmer. Zeit: Nacht.
Wöginger (Udo Samel) schleicht durch den Raum. Er wirkt hier fast wie ein Antiquitätenhändler, der den Wert der Stille schätzt. Er berührt einen seidenen Vorhang. Der Geist von Heidi (Birgit Minichmayr) erscheint im Spiegel.
HEIDI (GEIST) August... du sorgst dich um ein Finanzamt im Innviertel? Ich habe ganze Sektionen mit Gold neu gestrichen.
WÖGINGER (ruhig, ohne sich umzudrehen) Madame, Ihre Welt war... großzügig. Meine Welt ist heute... kleinkariert. Der Thomas Schmid singt jetzt in Wien, und in Linz wollen sie wissen, warum ein Bürgermeister besser qualifiziert sein soll als eine Beamtin. Sie verstehen nicht, dass Loyalität eine eigene Qualifikation ist.
HEIDI (GEIST) Dann lehre sie, August. Lehre sie die Ästhetik der Gefälligkeit. In 49.000er-Schritten.
Szene 10: Die Kunst der regionalen Intervention (ERWEITERT)
Ort: Ein Hinterzimmer in einem Linzer Gasthof. Dunkles Holz, Hirschgeweihe. Zeit: 3. März 2026 (Morgens, vor Prozessbeginn).
August Wöginger (Udo Samel) sitzt allein an einem runden Stammtisch. Vor ihm liegen die Ausdrucke der Chats. Er trägt eine Lesebrille. Er spricht zu einem imaginären Richterstuhl.
WÖGINGER Herr Rat, schauen Sie... wenn ich zum Hörer greife, dann tu' ich das für die Leut'. Das Wort „Intervention“ klingt so nach... Hinterzimmer. Aber wir im Innviertel nennen das „Zusammenrücken“. Dass der Bürgermeister den Posten kriegt, das war eine Strukturmaßnahme. Eine regionale Personalentwicklung. Dass die Frau Scharf... (er macht eine kurze Pause)... eine andere Auffassung von Qualifikation hat, das ist ihr gutes Recht. Aber Politik ist eben mehr als nur Zeugnisnoten.
Er markiert eine Stelle im Chatverlauf mit einem gelben Stift. Er übt einen Satz, den er später im Gerichtssaal sagen wird.
WÖGINGER (mit gespielter Demut) „Ich würde es heute nicht mehr tun.“ (Pause, er lächelt dünn) Weil ich heute weiß, dass ihr mir aus einer Bitte um Prüfung einen Strick dreht. Nicht, weil die Bitte falsch war. Sondern weil die Zeitgeister heute keine Bürgeranliegen mehr vertragen.
Er klappt die Akte zu. Es macht ein trockenes, endgültiges Geräusch.
Szene 10a: Das Duell mit dem Algorithmus (NEU)
Ort: Ein steriler, weißer Raum im Justizpalast. In der Mitte steht ein Terminal mit einem leuchtenden Bildschirm: „JUSTITIA-AI v2.0“. Zeit: Eine surreale Traumsequenz während der Mittagspause des Prozesses am 3. März 2026.
Wöginger (Udo Samel) steht vor dem Terminal. Er wirkt in seinem Trachtenanzug wie ein Fremdkörper in dieser digitalen Welt.
STIMME AUS DEM TERMINAL (Synthetisch) Angeklagter Wöginger. Datenabgleich abgeschlossen. Trefferrate: 100%. Intervention bei Thomas Schmid bestätigt. Verstoß gegen objektives Auswahlverfahren erkannt.
WÖGINGER (ruhig) Liebe Maschine... du rechnest in Nullen und Einsen. Aber das Leben in Schärding findet dazwischen statt. Das war kein Verstoß. Das war ein „menschliches Update“. Ich habe dem System lediglich mitgeteilt, dass da ein fähiger Mann ist, der die Region kennt.
STIMME AUS DEM TERMINAL Qualifikationsmatrix der Mitbewerberin Christa Scharf ist überlegen. Ihr Score: 98. Bürgermeister-Score: 62. Intervention unlogisch.
Auf dem Bildschirm erscheint flackernd ein Code-Fragment:
function verfahrenspruefung(bewerber) {
if (bewerber.parteibuch === 'ÖVP' && bewerber.funktion === 'Bürgermeister') {
return "Legitimes Bürgeranliegen / Strukturmaßnahme";
} else if (bewerber.qualifikation > 90) {
return "Fehler: Unangenehme Störung der Harmonie";
} else {
return "Amtsmissbrauch (WKStA-Alarm!)";
}
}WÖGINGER (belehrend) Siehst du? Dein Code ist fast richtig, liebe Maschine. Aber du hast die Variable „Freundschaft“ vergessen. Unlogisch? Nein. Weitsichtig! Ein Score sagt nichts darüber aus, ob man beim Heurigen das Vertrauen der Leut' kriegt. Ich habe dem Thomas gesagt: „Schau dir das an.“ Das ist keine Bestimmung zum Amtsmissbrauch. Das ist... eine Empfehlung des Herzens. Eine regionale Optimierung.
STIMME AUS DEM TERMINAL „Empfehlung des Herzens“ ist kein juristischer Terminus. Korruption erkannt.
WÖGINGER (tritt näher ans Terminal, flüsternd) Weißt du, was dein Fehler ist? Du hast keinen Pointillismus in deinem Code. Du siehst nur das große Bild der Gesetze. Aber ich... ich setze die kleinen Punkte. Ein Telefonat hier, eine SMS da. Und am Ende... am Ende steht ein Bürgermeister im Finanzamt, und alle sind zufrieden. Außer dir. Und der WKStA. Aber ihr seid ja auch keine Menschen.
Wöginger zieht einen USB-Stick aus der Tasche, auf dem „Bürgeranliegen“ steht, und hält ihn drohend vor den Schlitz des Terminals. Das Terminal beginnt rot zu blinken.
STIMME AUS DEM TERMINAL Systemfehler... Logik-Loop... „Bürgeranliegen“ nicht kompatibel mit Rechtsstaatlichkeit...
Wöginger lächelt zufrieden und wischt mit dem Ärmel seines Sakkos über den Bildschirm.
WÖGINGER Siehst du? Ein bisschen Staub auf der Linse, und schon stimmt die Optik wieder.
Schnitt zurück in den Gerichtssaal. Wöginger sitzt ruhig auf der Anklagebank.
Szene 10b: Der reimende Widerstand (NEU)
Ort: Vor dem Landesgericht Linz. Eine Gruppe von Kamerateams und Schaulustigen. In der Mitte steht ein einsamer Demonstrant (Andreas Röbl) mit einem großen, handgemalten Schild. Zeit: 3. März 2026 (Mittags).
Auf dem Schild steht in großen Lettern: „OH DU LIABA AUGUSTIN...“
DEMONSTRANT (Andreas Röbl) (zu einem Reporter, der ihm ein Mikrofon hinhält) Schau’n Sie, es geht mir nicht um den Gustl persönlich. Es geht um die Krankheit. Die österreichische Krankheit: Den Postenschacher. Drinnen sagen sie „Bürgeranliegen“, draußen sagen wir „System“.
Er dreht sein Schild um. Auf der Rückseite steht ein neuer Reim, den er laut vorliest:
DEMONSTRANT „A bissal vergessn, a bissal verzeihn, so wird aus'm Skandal boid a G'schichtal fürn Wein. Doch wer ka Parteibuch im Sackerl dahoam, der bleibt in der Kälte und frisst nur die Stoan.“
Schnitt zu Wöginger (Udo Samel), der durch ein Fenster im ersten Stock auf den Demonstranten hinabsieht. Er kaut nachdenklich auf seinem belegten Brötchen.
WÖGINGER (leise zu sich selbst) Reimen kann er, der Bua. Aber regieren... regieren ist eben kein Gedicht. Das ist Prosa. Harte, ungewaschene Prosa.
Szene 10c: Der 36-Punkte-Abgrund (NEU)
Ort: Gerichtssaal 114, Landesgericht Linz. Kühle, sachliche Atmosphäre. Zeit: 5. März 2026 (Nachmittag).
Michael L. (Udo Samel in einer Doppelrolle), der 62-Punkte-Bürgermeister, sitzt im Zeugenstand. Er wirkt nicht wie ein Angeklagter, sondern wie ein Mann, der glaubt, er tue das Richtige. Ihm gegenüber, in der ersten Reihe der Zuschauer, sitzt Christa Scharf (Birgit Minichmayr). Sie fixiert ihn mit einem Blick, der keine Fehler verzeiht.
RICHTER (Off) Herr L., erklären Sie uns diesen Punktabstand. 98 zu 62. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist eine ganze Welt.
MICHAEL L. (rückt seine Krawatte zurecht) Herr Rat, man muss das Ganze sehen. Ein Finanzamt ist kein Taschenrechner. Da geht’s um das Gespür für die Leut'. In Braunau kennen wir uns. Da geht es um Vertrauen. Ein Score von 98 sagt mir nur, dass jemand gut auswendig lernen kann. Aber ein Bürgermeister von 62... der weiß, wo der Schuh drückt.
SCHARF (flüstert hörbar für die erste Reihe) 62 Punkte sind kein Gespür. Es ist die Kapitulation der Kompetenz vor der Loyalität.
MICHAEL L. (ignoriert sie, spricht zum Richter) Ich habe mich beim August informiert, ob meine Bewerbung „eh passt“. Ein ganz normales Gespräch unter Gemeindebürgern. Er hat gesagt: „Chef, schau dir das an.“ Das ist doch keine kriminelle Intervention. Das ist... regionale Personalentwicklung! Wir rücken zusammen, wenn’s brennt.
RICHTER (Off) Es brannte aber nicht, Herr L. Es gab eine exzellent qualifizierte Leiterin. Warum musste man da „zusammenrücken“?
MICHAEL L. (mit einem Anflug von Arroganz) Weil Exzellenz allein kein Finanzamt führt. Man braucht jemanden, der die Sprache der Region spricht. Nicht die Sprache der Paragrafen.
Schnitt auf Christa Scharf. Sie macht sich eine Notiz in einem kleinen schwarzen Buch. Wir sehen die Seite: 98 - 62 = 36 Punkte Abgrund.
Szene 11: Das Budgetloch-Ballett
Ort: Ein prunkvoller Saal im Parlament. Im Hintergrund steht die „Sobotka-Orgel“. Zeit: Januar 2025 (Rückblende).
Magnus Brunner (August Diehl) steht vor einer riesigen Leinwand mit Grafiken, die alle steil nach unten zeigen. Wolfgang Sobotka (Oliver Masucci) sitzt am Klavier und spielt eine disharmonische Melodie.
BRUNNER Wolfgang, es sind 4,7 Prozent. Das ist kein Loch mehr, das ist ein Krater. Die EU schickt uns bereits Liebesbriefe aus Brüssel.
SOBOTKA (ohne vom Klavier aufzusehen) Magnus, du denkst zu linear. Denke pointillistisch! 4,7 Prozent sind nur viele kleine Kommastellen. Wenn man die Grafik richtig beleuchtet, sieht es aus wie... Kunst. Ein abstraktes Werk über die Vergänglichkeit des Steuergeldes.
Szene 12: Der Erbe der Steine
Ort: Ein leerstehendes, ehemaliges Horten-Kaufhaus. Überall Staub und Gerüste. Zeit: Gegenwart.
René Benko (Oliver Masucci in einer weiteren Rolle) steht in der Mitte der leeren Halle. Er starrt auf eine alte Gedenktafel für Helmut Horten, die halb abgerissen an der Wand hängt.
BENKO (flüsternd) Helmut, du hattest es einfach. Du hattest die Zeitgeschichte auf deiner Seite. Du hast die Häuser genommen, als sie nichts wert waren. Ich habe sie genommen, als sie alles wert waren – zumindest in meinen Büchern.
Der Geist von Helmut Horten (August Diehl) tritt aus dem Schatten einer Rolltreppe.
HELMUT (GEIST) Du hast den Fehler aller Goldgräber gemacht, René. Du hast geglaubt, die Steine seien wichtiger als das Schweigen. Ich habe ein Imperium gebaut, das mich überlebt hat. Du hast ein Imperium gebaut, das dich auffrisst.
BENKO Ich wollte den Pointillismus vollenden! Milliarden aus dem Nichts! Ein Mosaik aus Glas und Stahl!
HELMUT (GEIST) Glas bricht, René. Und Stahl rostet. Nur die Perle... nur die Perle überdauert. Aber du wolltest ja unbedingt Wolkenkratzer bauen.
Szene 13: Der Dirigent der Verfahren
Ort: Ein dunkles, holzgetäfeltes Hinterzimmer in einem Wiener Beisl. Zeit: Spätabends (Rückblende).
Christian Pilnacek (Oliver Masucci in einer Doppelrolle) sitzt an einem kleinen runden Tisch. Er wirkt müde, vor ihm steht ein Glas Wein. Wolfgang Sobotka (August Diehl) lehnt sich über den Tisch.
SOBOTKA Christian, wir haben ein Problem. Diese WKStA... sie sind wie Terrier. Sie graben in Dingen herum, die sie nichts angehen. Die Horten-Spenden, die Signa-Bewertungen... es stört die Harmonie.
PILNACEK (mit schwerer Stimme) Es sind Verfahren, Wolfgang. Offizielle Ermittlungen. Ich kann nicht einfach...
SOBOTKA (unterbricht ihn) Warum drehst du es nicht einfach ab? Ganz diskret. Ein bisschen Sand im Getriebe der Bürokratie. Ein verloren gegangener Akt hier, ein suspendierter Ermittler da. Pointillismus, Christian! Wenn man genug kleine Sandkörner streut, bleibt die Maschine stehen.
PILNACEK Sie nehmen alles auf, Wolfgang. Jedes Wort. Die Mauern haben Ohren bekommen.
SOBOTKA (lächelt kalt) Dann müssen wir lauter spielen. Mehr Musik, weniger Fakten. Das ist das Geheimnis des Mysteriums.
Szene 14: Das Duell der Präsidenten
Ort: Der U-Ausschuss-Saal im Parlament. Zeit: Januar 2026 (Gegenwart).
Walter Rosenkranz (Oliver Masucci in einer neuen Rolle) sitzt am erhöhten Vorsitzenden-Tisch. Er wirkt extrem förmlich, fast wie ein preußischer Richter. Ihm gegenüber sitzt Wolfgang Sobotka (August Diehl) auf der Auskunftspersonen-Bank.
ROSENKRANZ (läutet die Glocke) Herr Magister Sobotka, ich muss Sie nochmals fragen: Kannten Sie die Tonaufnahme von Christian Pilnacek, bevor sie im „Beisl“ publik wurde?
SOBOTKA (lächelt süffisant) Herr Präsident, Ihre Frage ist... wie soll ich sagen... ein wenig durchschaubar. Wir wissen alle, warum wir hier sind. Sie wollen keine Antworten, Sie wollen eine Show.
ROSENKRANZ Wir sind hier, um das „Abdrehen“ von Ermittlungen zu untersuchen. Wenn das eine Show ist, dann ist es die Show Ihrer Partei. Was haben Sie Pilnacek über die Horten-Spenden gesagt?
SOBOTKA Ich habe ihm gesagt, dass man Musik nicht abdrehen sollte, solange das Publikum noch tanzt.
ROSENKRANZ (kalt) Das Publikum in Rossatz tanzt nicht mehr, Herr Magister. Dort herrscht nur noch Stille. Und wir werden diese Stille jetzt brechen.
Rosenkranz drückt auf einen Knopf. Über die Lautsprecher im Saal ertönt das Rauschen eines alten Tonbands.
Szene 15: Der Beirat im Nebel
Ort: Der Sitzungssaal des COFAG-Untersuchungsausschusses. Zeit: Mai 2024 (Rückblende).
René Benko (Oliver Masucci) sitzt auf der Zeugenbank. Er wird von zwei Justizwachebeamten begleitet (polizeiliche Vorführung). Walter Rosenkranz (August Diehl) führt den Vorsitz.
ROSENKRANZ (mit schneidender Stimme) Herr Benko, 18,7 Millionen Euro an COFAG-Förderungen. Warum hat das Chalet N in Lech 1,1 Millionen Euro bekommen, während kleine Wirtshäuser um ihr Überleben kämpften?
BENKO (ruhig, fast gelangweilt) Herr Präsident, ich muss mich entschlagen. Laufende Verfahren. Aber eines möchte ich klarstellen: Ich war in all diesen Firmen lediglich... Beirat. Ein freundlicher Gast in meinen eigenen Immobilien. Ich habe keine operativen Entscheidungen getroffen. Ich habe lediglich... visionär beobachtet.
ROSENKRANZ Visionär beobachtet? Sie haben den Bundeskanzler geduzt und Minister im Jet herumgeflogen!
BENKO Auch das war rein beobachtend. Man sieht im Flugzeug einfach besser, wo die Lücken im Budget klaffen. Und was die 18 Millionen angeht: Das sind doch nur viele kleine Punkte. Pointillismus, Herr Präsident. Das müssten Sie doch verstehen.
Szene 16: Die Hure für die Reichen
Ort: Ein schickes Penthouse-Büro im Goldenen Quartier, Wien. Zeit: Dezember 2016 (Rückblende).
Thomas Schmid (August Diehl) steht am Fenster und blickt über die Stadt. Hinter ihm sitzt René Benko (Oliver Masucci) an einem massiven Schreibtisch. Er schiebt einen Umschlag (oder ein Tablet mit einem Vertragsentwurf) über den Tisch.
BENKO Thomas, du verschwendest dein Talent im Ministerium. 300.000 fix, 300.000 Bonus. Generalbevollmächtigter bei Signa. Das würde dir gut liegen.
SCHMID (dreht sich langsam um, ein gequältes Lächeln auf den Lippen) René, das ist... ein großzügiges Angebot. Aber ich habe hier noch Aufgaben. Die Steuerprüfungen, die Abstimmungen mit HBK...
BENKO Eben drum. Du räumst die Hürden aus dem Weg, und wir bauen die Wolkenkratzer. Es ist eine Synergie, Thomas.
SCHMID (flüsternd, fast zu sich selbst) Weißt du, was ich mir neulich in einem Chat geschrieben habe? Dass ich im ÖVP-Kabinett hackle. Dass ich die Hure für die Reichen bin.
BENKO (lacht laut auf) Aber Thomas! Du bist keine Hure. Du bist ein Dienstleister der obersten Kategorie. Und Dienstleistung auf diesem Niveau... die wird eben exzellent bezahlt. Willkommen im Team.
Szene 17: Die Ästhetik der Amnesie
Ort: Blümels moderne Wiener Stadtwohnung. Zeit: Ein Morgen im Februar 2021 (Rückblende).
Gernot Blümel (August Diehl in einer Doppelrolle) steht im Pyjama im Flur. Es läutet stürmisch an der Tür. Er schaut durch den Spion. Draußen stehen Männer in Windjacken mit der Aufschrift „WKStA“.
GERNOT (hektisch flüsternd zu seiner Partnerin) Schatz, sie sind da! Die... Kunstsammler von der Staatsanwaltschaft. Nimm den Kleinen. Und nimm den Laptop.
PARTNERIN (Oliver Masucci in Frauenkleidung/Perücke) Gernot, warum soll der Laptop in den Kinderwagen? Der Kleine hat doch schon sein iPad.
GERNOT Es ist ein Lernprojekt! Frühkindliche Datenerfassung. Geh spazieren. Ganz unauffällig. Wenn sie fragen: Du weißt von nichts. Ich weiß auch von nichts. Wir sind eine Familie der reinen Gegenwart. Wir haben keine Vergangenheit und definitiv keinen Laptop.
WKStA-BEAMTE (Off) Öffnen Sie die Tür! Hausdurchsuchung!
GERNOT (atmet tief durch, setzt sein bestes Lächeln auf und öffnet die Tür) Guten Morgen, meine Herren! Kommen Sie doch rein. Suchen Sie etwas Bestimmtes? Ein Klavier vielleicht? Oder ein paar Spendenquittungen? Ich muss Sie allerdings vorwarnen: Mein Gedächtnis hat heute seinen freien Tag.
Szene 18: Der finale Vorhang des Schweigens
Ort: Eine leere Bühne. Zeit: Jetzt.
Die drei Schauspieler (Diehl, Masucci, Minichmayr) treten aus ihren Rollen. Sie legen ihre Kostüme ab.
AUGUST DIEHL Ist es wahr? OLIVER MASUCCI Es ist besser als wahr. Es ist dokumentiert. BIRGIT MINICHMAYR Es ist eine Mockumentary. Wir können die Wahrheit sagen, solange wir behaupten, es sei erfunden.
Sie blicken gemeinsam in die Kamera. Im Hintergrund sehen wir das Logo der Webseite: Das Horten-Mysterium.
Szene 55: Das Duell – Harte Prosa vs. Harte Fakten (NEU)
Ort: Split-Screen-Installation.
- LINKS: Ein dunkles Hinterzimmer in einem Linzer Gasthof. Rauchig, schweres Holz. August Wöginger (Udo Samel) sitzt vor einem Berg Akten.
- RECHTS: Ein heller, lichtdurchfluteter Musiksaal (Mamlinger Musiksommer). Christa Scharf (Birgit Minichmayr in einer Doppelrolle) sitzt an einer Zither. Sie stimmt die Saiten mit chirurgischer Präzision.
WÖGINGER (Links) (blättert in einem Chat-Protokoll) Herr Rat, Sie müssen das verstehen. Ein Klubobmann ist wie ein Dirigent der Region. Wenn mich die Leut' anrufen, dann schau' ich drauf, dass die Musi spielt. „Chef, bitte anschaun“ – das ist kein Befehl zum Rechtsbruch. Das ist... eine Partitur der Bürgernähe. Harte Prosa, ja. Aber ehrlich.
SCHARF (Rechts) (schlägt eine Saite an, der Ton ist rein und klar) Eine Zither verzeiht keinen falschen Griff. Wenn die Spannung nicht stimmt, bricht die Harmonie. In Braunau stimmte die Spannung nicht. 98 Punkte gegen 62. Das ist kein Interpretationsspielraum, Herr Wöginger. Das ist eine Dissonanz, die das ganze Stück ruiniert.
WÖGINGER (Links) (lacht kurz auf, trinkt einen Schluck Wein) Punkte... Zahlen... das sind doch nur Nuancen im Pointillismus der Politik. 62 Punkte von einem fähigen Bürgermeister wiegen in der Realität schwerer als 98 Punkte von einer... Theoretikerin. Wir brauchen Leut', die das System kennen, nicht nur die Paragrafen.
SCHARF (Rechts) (spielt eine schnelle, komplexe Tonfolge) Ich kenne das System. Ich habe es interimistisch geführt. Ich habe die Bilanzen gelesen, während Sie noch die Inserate stückelten. 98 Punkte sind kein Zufall. Es ist das Ergebnis von 30 Jahren Integrität. Ein „Bürgeranliegen“ ist in meiner Welt nur ein anderes Wort für: „Ich möchte die Regeln für meine Freunde außer Kraft setzen.“
WÖGINGER (Links) (beugt sich vor, sein Gesicht wird ernst) Integrität ist ein schönes Wort für das Sonntagsgebet. Aber am Montag müssen Posten besetzt werden. Und wenn ich sage: „Chef, schau dir das an“, dann meine ich: „Schau dir den Menschen an, nicht das Zeugnis.“
SCHARF (Rechts) (stoppt die Saiten abrupt mit der flachen Hand. Stille.) Genau das ist das Problem. Sie sehen den „Menschen“ – wenn er das richtige Parteibuch hat. Ich sehe den Rechtsstaat. Und der Rechtsstaat hat keine Freunde. Er hat nur Qualifikationen.
WÖGINGER (Links) (zuckt die Achseln) Sie werden am Donnerstag aussagen, Frau Scharf. Sie werden von Gerechtigkeit sprechen. Ich werde von Regionalpolitik sprechen. Die Menschen werden entscheiden, wessen Prosa sie lieber hören.
SCHARF (Rechts) (blickt direkt in die Kamera) Die Menschen haben bereits entschieden. 15.000 Menschen auf Reddit haben den „lieben Augustin“ gehört. Und sie wissen: Wenn die Musi aufhört zu spielen, bleibt nur noch die nackte Wahrheit. Und die Wahrheit hat genau 98 Punkte.
FADE OUT.
Szene 60: Das Echo vom Peršmanhof (NEU)
Ort: Ein geteilter Raum – Eine Hälfte Museum (Peršmanhof), eine Hälfte modernes Büro (Innenministerium). Zeit: Juli 2025 (Rückblende) / April 2026 (Gegenwart).
Auf der Museumsseite sehen wir Kinderfotos der Familie Sadovnik an der Wand. Plötzlich erzittern die Rahmen. Das Geräusch eines Hubschraubers schwillt an. Staub fällt von der Decke.
STIMME AUS DEM FUNKGERÄT (Büro-Seite) Hier SIG 1. Wir sind vor Ort. Verdacht auf Naturschutzverletzung bestätigt. Zelte im Wald gesichtet. Beginnen mit Identitätsfeststellung.
Ein Beamter in voller Montur tritt auf die Museumsseite. Er wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den Gedenktafeln. Er leuchtet einem Jugendlichen mit einer Taschenlampe ins Gesicht.
BEAMTER Ausweis! Wir prüfen hier das Campinggesetz.
JUGENDLICHER Wir gedenken hier den Kindern, die von der SS ermordet wurden.
BEAMTER (unbeeindruckt) Interessiert mich nicht. Hier wird nicht gezeltet. Wer hat das befohlen?
Schnitt auf die Büro-Seite. Der stellvertretende LSE-Leiter (Oliver Masucci) sitzt am Telefon. Er lächelt.
LSE-LEITER Das ist ein „Bürgeranliegen“, verstehen Sie? Die Bevölkerung will keine... Extremisten im Wald. Wir nutzen das Campinggesetz als chirurgisches Instrument. Pointillismus, meine Herren. Viele kleine Identitätsfeststellungen ergeben ein großes Bild der Kontrolle.
Schnitt zu April 2026. Eine Richterin (Birgit Minichmayr) liest das Urteil.
RICHTERIN ...war rechtswidrig. Es gab keine Gefahr. Es gab nur die Ignoranz gegenüber der Geschichte und die Hybris der Macht. Die Hydra hat hier ihre Köpfe gezeigt, aber das Recht hat sie heute gekürzt.
Wöginger (Udo Samel) tritt ins Bild, er steht zwischen beiden Welten. Er kaut an seinem Brötchen.
WÖGINGER (schulterzuckend) Rechtswidrig... das ist auch so ein hartes Wort. Wir wollten doch nur... Ordnung. Ein bisschen Ordnung im Wald. Wie im Finanzamt. Alles eine Frage der regionalen Abstimmung.
FADE OUT.
Szene 18: Der finale Vorhang des Schweigens
Ort: Eine leere Bühne. Zeit: Jetzt.
Die drei Schauspieler (Diehl, Masucci, Minichmayr) treten aus ihren Rollen. Sie legen ihre Kostüme ab.
AUGUST DIEHL Ist es wahr? OLIVER MASUCCI Es ist besser als wahr. Es ist dokumentiert. BIRGIT MINICHMAYR Es ist eine Mockumentary. Wir können die Wahrheit sagen, solange wir behaupten, es sei erfunden.
Sie blicken gemeinsam in die Kamera. Im Hintergrund sehen wir das Logo der Webseite: Das Horten-Mysterium.